Mama ist schuld

Die Personen und die Handlung der Geschichten/Artikel sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Ein süßlicher Duft kriecht aus der Küche und verteilt sich in der gesamten Wohnung. Schnell werden die Kinder aufmerksam und öffnen ihre mit Postern beklebten Zimmertüren und gehen, wie an einer Schnur gezogen direkt in die Küche. Dort steht eine Frau und hantiert mit Eiern, Mehl und Zucker herum. Es ist ihre Mutter. Ihr Fleisch und Blut. Es ist die Frau, die sie einst mit ihrer Nabelschnur im Leib, indem sie sich warm geborgen fühlten, ernährte und monatelang mit sich herumtrug nur um sie schlussendlich durch den Muttermund ihres gerissenen Unterleibs in die schmutzige, schäbige Welt zu entlassen. Genau dieses Weib ist es nun, das den Teig anrührt, in einer Schüssel aus Plastik. Einer Schüssel, die nur darauf wartet von den Kinderhänden befingert zu werden um deren restliches Innenleben, schleckend in die gierigen Münder zu schieben.


Schnell wird klar, es ist Sonntag.


Schnell wird klar, es ist Sonntag. Der Tag der Woche an dem gebacken wird, komme was wolle. Der Tag an dem sich die Großeltern selbst zum Kaffee einladen und dazu ein Stück Kuchen einfordern. Der Tag, an dem die Kinder schlecken dürfen, an der Schüssel mit den Teigresten, die so lecker sind. Der Tag, an dem der Vater zum Frühschoppen geht und die Mutter in der Küche steht und schwitzt, von der Wärme des Ofens und von der Arbeit an dem Kuchen.


„Mehr können wir beim besten Willen nicht essen.“


Kuchen, der nie ganz aufgegessen wird und dann zwei Stücken davon („Mehr können wir beim besten Willen nicht essen.“) auf Pappteller landet, für die Oma und den Opa daheim. Kuchen, der die Zähne der Kinder vergammeln lässt und sie zu Außenseiter macht, in der Schule in der sie ihren Abschluss nicht schaffen werden. Kuchen, der die Oma so fett gemacht hat, dass ihr dicker Hintern nicht mehr richtig auf die Küchenstühle passt und sich bei jedem Stuhl, auf dem sie sich setzt, die metallenen Beine verbiegen. Kuchen, der den Opa des Öfteren zur Injektionsnadel greifen lässt, um sodann hurtig Insulin in die Venen zu pumpen, um einen Zuckerschock zu vermeiden. Kuchen der gelegentlich, meist jährlich, drapiert mit Kerzen daherkommt, um die elende und schmerzhafte Geburt der schäbigen Kinder erneut aufleben zu lassen nur, um diese zu beschenken, mit Spielzeug, das sie sich wünschten und dass sie Tag ein Tag aus in der Werbung, des immer laufenden Fernsehers sahen. Spielzeug, das immer aus Plastik ist, immer in irgendeiner Form Krach macht und teuer ist, weil ein findiger Hersteller, dessen Markenname mindestens fünffach auf der ersten und dreifach auf der zweiten Schicht des Verpackungsmaterials gedruckt wurde, die Millionen die er für die Dauerbestrahlung der Kinder mittels TV-Gerät ja auch irgendwie wieder reinholen muss, ins prall gefüllte Portmonee.


Kinder die nie einen Frosch gefangen haben...


Spielzeug das die Kinder zu Stubenhockern und willenlosen Zombies macht, die nicht den Unterschied kennen, zwischen einer Amsel und einer Ampel, aber in Windeseile herausgefunden haben, wie sie die Kindersicherung am Sky-Receiver überbrücken können. Kinder die nie einen Frosch gefangen haben, die nie eine zirpende Grille auf einer Wiese hörten, die nie eine Bachsperre bauten und die niemals Besitzer, ihres eigenen Baumhauses, waren. Kinder, die Sport hassten und nie den Zusammenhalt eines Vereins spürten. Kinder die keine Freunde hatten und die nie ein Lied sangen.

Irgendwann, wenn tausende von Torten und Kuchen, schmatzend, in den Mägen der Familie gelandet sind und unendliche Tassen Kaffee geschlürft wurden, werden die Kinder die liebevoll eingerichteten Kinderzimmer für immer verlassen. Aufgrund der kariösen Zähne und der daraus resultierenden Mundfäule bleiben sie einsam und stellen ernüchternd fest, dass ihr Bildungsniveau nicht ausreicht, um direkt ein Jahresgehalt von 80.000 Euro einzustreichen.


Sie werden weiterhin ihre Eltern besuchen...


Sie werden sich versuchen, als Youtube-Star, oder als Gangster-Rapper und gelegentlich den zuckerkranken Opa besuchen, dessen Frau aufgrund der fortgeschrittenen Adipositas, post mortem, mit einem Kran aus ihrem Bett, direkt in das Grab mit Übergröße verfrachtet wurde. Sie werden weiterhin ihre Eltern besuchen und dabei mit dem Bus an der Müllkippe vorbeifahren und werden aus der Ferne erkennen, dass auf nicht wenigen Folien und Kartons, dreifach, ein Markenname prangt, der ihnen bekannt vorkommt. Sie werden ihre Mutter weiterhin lieben und ihr nicht die Schuld geben, an ihrem elenden Dasein. Sie werden wieder Kuchen essen bei der Mutter, werden wieder Kaffee trinken und werden den zitternden Vater ertappen beim Verdünnen des selbigen mit Rum.

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    Über den Autor

    Bloggender Industriemeister aus dem Ruhrpott mit Hang zum satirischen schwarzmalen.

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