Die gewichtelte Schallplatte

Die Personen und die Handlung der Geschichten/Artikel sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Ich kann mich wage erinnern, an

einen Tag in der Schule.

Es war kurz vor Weihnachten und es

sollte gewichtelt werden.

Niemand sollte wissen von wem

er das kleine Präsent,

das sich im großen Sack aus

Jute befand bekam,

doch jeder wusste bescheid.


Ich war aufgeregt, denn das für mich

vorgesehene Geschenk kam von

meinem Schwarm.

Sie kam aus aus Kroatien,

ist von dort geflüchtet.

Ich hatte keinen Plan, was sie

dazu veranlasste.

Ich kannte weder Tito noch Milošević.


Als ich an der Reihe war,

riss ich hastig das Papier, mit den

aufgedruckten Tannenzapfen auf.

Schüchtern blickte ich sie dabei an.

Ihre vollen Lippen formten sich,

ganz kurz, zu einem Lächeln.

Ich war hin und weg.


Erst zuhause begutachtete ich

mein Geschenk. Es war eine Single.

Schwarz wie die Nacht. Ich legte sie

auf und verstand kaum ein Wort.

Sprachlich völlig unbegabt, sagte mein

Englischlehrer immer und gab mir eine Fünf.

Es war mir egal. Phil hatte eine sanfte

Stimme und ich träumte von Ihr

während er unverständliche Worte

ins Mikrofon hauchte.


Die Scheibe lief rauf und runter

auf dem billigen Gerät aus der

Woolworth. Ich hörte sie Abends

und war im Gedanken bei ihr

Ich hörte sie morgens und freute

mich sie in der Schule zu sehen. Ich

hörte sie am Nachmittag und war

traurig, dass die Schule vorbei war.


Eines Nachmittags sah ich sie aus

der Ferne an der Bushaltestelle. Arm

in Arm mit einem Schönling,

aus der Oberstufe.

er hatte schwarze Haare und einen

Dreitagebart. Ich hatte einen Flaum.

Seine Zunge tanzte in ihrem Mund und

die Lippen, die mir bis dato so zugesagt hatten,

standen sperrangelweit auf.

Ihre Augen waren geschlossen.


Ich ging nach Hause. eine einzelne Träne

lief mir die Wange herab.

Daheim legte ich die Single auf. Ein

letztes mal. Phil Collins Stimme hatte

sich verändert. Sie klang wie

das Grunzen eines schwedischen Death Metal-

Sängers. Ich warf Sie in den Müll.


Jeden Tag musste ich sie sehen. Sie

saß mir in der Klasse direkt

gegenüber. Ich war niedergeschlagen

und sie überglücklich.

Blühte richtig auf und bekam, auf

einmal, gute Noten. Meine gingen

in den Keller

um Kohlen zu holen.


Die Monate vergingen. Auf dem

Schulhof stolzierten Sie händchenhaltend.

Zeigten ihr Glück und ihre Zähne. Dann

war sie auf einmal weg. Kam nie wieder,

die Schönheit, die vor

dem Krieg geflüchtet war. Sie verließ die

Schule ohne Abschluss. Hatte einen Braten

In der Röhre. Dick und saftig.


Ich trauerte ihr nicht nach. Aus

den Augen aus dem Sinn. Meine Noten

kamen von Unten, um ins

Sonnenlicht zu treten. Ich blühte auf und

zeigte meine schiefen Zähne.


Ein paar Wochen

später, kam ein neues Mädchen in

unsere Klasse. Sie bekam den Platz von IHR.

Sie kam aus Serbien und wohnte

In einem Hochhaus. Hoch oben, in der 11. Etage.

Sie kannte weder Tito noch Milošević.


Wieder einmal sollte gewichtelt werden.

Ich half ein bisschen nach, das mir

die Schönheit aus Serbien zugeteilt

wurde. Ihre Augen waren tiefbraun,

wie die eines zarten Rehkitzes. Ich

kaufte ihr eine Single. Sie war tiefschwarz, von

Phil und hatte mir das Herz gebrochen.


Als der Tag kam, als sie das Papier, mit

den aufgedruckten Weihnachtsmännern abriss,

schaute ich ihr tief in die Rehaugen. Sie blickte

mich schüchtern an und lächelte. Sie

war hin und weg. Auf dem

Weg nach Hause, machte ich

einen Abstecher in die Drogerie. Ich

kaufte eine Packung Kondome. Bunt und

mit Geschmack.

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    Über den Autor

    Bloggender Industriemeister aus dem Ruhrpott mit Hang zum satirischen schwarzmalen.

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